Von Terzani, Tiziano
SPIEGEL-Redakteur Tiziano
Terzani über Saigon zehn Jahre nach dem Ende des Krieges *
Die Menschen sehen gesund
und froh aus, sie sind wohlgekleidet - aber nur auf den Plakaten. Unter
Hunderten riesiger, bunter Phantasiebilder von Arbeitern, Soldaten und Kindern,
die entschlossen oder lächelnd zum Himmel aufblicken, sehen ebenso viele
hungrige, zerlumpte, kränkliche, schmutzige wirkliche Menschen auf die Erde.
Sie spähen nach einem Zigarettenstummel, einem Fetzen Papier oder etwas
Eßbarem.
Saigon feiert den zehnten
Jahrestag des Sieges vom April 1975: Öffentliche Bauten sind neu gestrichen,
Dissidenten eingesperrt, Bettler von den Hauptstraßen des Zentrums in ein Lager
am Stadtrand verbannt, damit sie das reine, das kämpferische Image des früheren
Saigon, heutige Ho-Tschi-minh-Stadt, nicht beschmutzen. Nichts aber kann die
Niedergeschlagenheit auf den Gesichtern der großen Mehrheit ihrer 3,5 Millionen
Einwohner übertuschen.
"Es ist ihr Sieg, nicht
unserer", flüstert ein Saigoner dem Fremden zu. "Für uns bedeuten die
Feierlichkeiten nur Verhaftungen und weniger Elektrizität. Die brauchen sie, um
die Porträts von Onkel Ho zu erleuchten."
"Sie" und
"wir" - die Spaltung zwischen Siegern und Besiegten ist auch zehn
Jahre nach dem Krieg nicht überbrückt.